Der neue Trend im Netz heißt Vergessen

Der neue Trend im Netz heißt Vergessen

Die Idee ist simpel: Keine Nachricht sollte für immer im Netz sichtbar sein. Deshalb haben App-Entwickler Nachrichten mit Verfallsdatum entwickelt. Passend zur aktuellen Debatte um das Recht aufs Vergessen für jeden Internetnutzer lösen Nachrichten, die mit Apps wie „Snapchat“ oder „Wickr“ verschickt werden, sich nach ihrem Empfang ganz von selbst in Luft auf. „Ephemeral“ heißt das passende Social Media-Wort für den Trend zur Vergänglichkeit – abgeleitet vom griechischen „ephemeros” für etwas, das nur einen Tag anhält. Auf dass wir keine Daten mehr im Netz hinterlassen, die Google oder Facebook sammeln, für immer konservieren und weiterverkaufen.

Täglich 350 Millionen selbstlöschende Schnappschüsse

Doch wie funktionieren Snapchat und Wickr, und welchen Nutzen bringen sie wirklich? Snapchat gibt dem Nutzer die Möglichkeit, Bilder oder Videos zusammen mit einem Verfallsdatum zu versenden. Spätestens zehn Sekunden, nachdem der Empfänger die Nachricht angesehen hat, löscht sie sich samt Inhalt von selbst.

Der Erfolg zeigt, wie groß der Wunsch nach Anonymität im Netz ist: Vor allem Jugendliche verschicken täglich weltweit rund 350 Millionen sich selbst zerstörende Schnappschüsse. Einfach mal Fotos raushauen, ohne sie später bereuen zu müssen – mit der Möglichkeit zum Speichern schwinden auch die Hemmungen. Allerdings hat der Empfänger Möglichkeiten, den Löschmechanismus auszutricksen. Von den Nachrichten können Screenshots gemacht werden – allerdings wird der Versender in diesem Fall informiert. Oder sie werden ganz einfach abfotografiert. Snapchat hatte zudem wegen diverser Hacks und Sicherheitslücken, bei denen Nutzerdaten öffentlich wurden, zuletzt eine schlechte Presse.

Anbieter sehen sich als Gegenpart zu Datenkraken

Mehr Sicherheit verspricht Wickr: Mit dieser Ephemeral-App lassen sich nicht nur Text und Bilder, sondern auch Audio- und Videodateien oder PDFs verschicken, die sich nach höchstens sechs Tagen selbst zerstören. Zudem sind die Nachrichten verschlüsselt, und die Nutzer bleiben angeblich auch Wickr unbekannt. Dennoch muss die App die Telefonnummern ihrer Nutzer sammeln, um ihnen eine Verifizierungs-SMS schicken zu können.

Sowohl die Gründer hinter Snapchat als auch Wickr stellen sich als Gegenpart zu Datenkraken wie Facebook oder Google dar. „Online-Kommunikation sollte grundsätzlich nicht verfolgbar sein“, sagt etwa Wickr-Mitgründerin Nico Sell. Und Snapchat-Mitgründer Evan Spiegel meint zu den etablierten Social-Media-Unternehmen: „Es ist inzwischen deutlich geworden, wie ätzend soziale Medien sind.“

Facebook arbeitet an eigener Ephemeral-App

Zusammen mit Bobby Murphy hat er die App aus einem Uni-Projekt im Jahr 2011 entwickelt. Der Wert des Unternehmens mit Sitz in Los Angeles liegt bereits bei zehn Milliarden Dollar. Selbst für drei Milliarden US-Dollar wollte Spiegel nicht an das weltgrößte Online Netzwerk Facebook verkaufen. Erst will er die App noch bekannter machen.

Derweil versucht Facebook sich an eigenen Ephemeral-Apps: „Slingshot“ ist bereits Zuckerbergs zweiter Versuch, den Trend zum Vergessen für sich zu nutzen. Außerdem experimentiert das Unternehmen mit einem Ablaufdatum für Einträge der Nutzer. Und auch viele Messaging-Apps wie Path, Blink, Frankly, Gryphn, Confide, Ansa, Line oder WeChat haben neben Snapchat und Wickr erkannt: Die Zeiten, in denen sich junge Menschen der Welt im Internet zeigen wollten, sind vorbei. Jetzt müssen die Anbieter beweisen, wie ernst sie es mit dem Recht auf Vergessen wirklich meinen.

Snapchat: https://www.snapchat.com/

Wickr: https://www.wickr.com/

Über den Autor: Wiebke

Wiebke Bomas

Wiebke Bomas ist Redakteurin im Bereich crossmediale Projekte der IW Medien.

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