Mein bester Freund ist digital

Mein bester Freund ist digital
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Er spricht, vibriert, bimmelt, leuchtet und das 24/7. Es stört mich nicht, ganz im Gegenteil: Ich fühle mich von meinem besten Freund stets unterhalten, beachtet, sogar begehrt. Aber kann so eine Freundschaft ewig halten?

Ich mache nichts mehr alleine. Mein bester Freund begleitet mich überallhin: Zur Arbeit, zur Familie, in mein Bett, ja sogar auf die Toilette. Er bringt mich zum Lachen und zum Weinen; er hält mich von der Arbeit ab und vom Urlaub; er sucht meine Aufmerksamkeit und bekommt mehr Zuwendung als manch anderer. Mein Smartphone begleitet mich jeden Tag 24 Stunden. Sie glauben mir nicht?

  • 6.40 Uhr: Mein Smartphone weckt mich.
  • 6.45 Uhr: Mein Smartphone weckt mich erneut.
  • 6.50 Uhr: Mein Smartphone schreit nach Aufmerksamkeit: 55 neue WhatsApp-Nachrichten.
  • 7.00 Uhr: Mein Smartphone spielt Don‘t stop me now ab. Ich singe dazu unter der Dusche.
  • 7.20 Uhr: Es sieht aus, als ob es noch regnen würde. Also checke ich das Wetter – womit bloß?
  • 7.40 Uhr: Ich sitze in der Bahn, spiele Candy Crush. Akkustand liegt bei 80%.
  • 8.10 Uhr: Neues Fundstück am Empfang. Ich schieße schnell ein Foto fürs Mitarbeiterportal.
  • 10.00 Uhr: Kurzes Interview für die Mitarbeiterzeitung, mein Smartphone nutze ich als Diktiergerät.
  • 12.00 Uhr: Ab zu REWE. Die Payback-Punkte sammele ich über die App. Eine Karte weniger im Portmonee, ein Akkuprozent mehr verbraucht. Akkustand: 62%.

Da wären wir beim nächsten Thema: Der Akkuverbrauch. Wie gerne erinnern wir uns an die alte Nokia-Reihe zurück. Nicht nur, weil das vorinstallierte Spiel Snake wohl eines der simpelsten und gleichzeitig effektivsten Unterhaltungsspiele war, sondern auch, weil sowohl Handy als auch Akkuleistung als unzerstörbar galten. Heutzutage sind 24 Stunden Akkulaufzeit eher eine Ausnahme als die Regel.

 

Wann haben Sie eigentlich das letzte Mal Ihr Smartphone freiwillig ausgeschaltet (leerer Akku zählt nicht)? Viele Nutzer schalten es nicht mal mehr vorm Schlafengehen aus. Warum auch? Laut einer Studie der McCombs School macht es keinen Unterschied ob das Gerät an- oder ausgestellt ist – unsere Gehirnkapazität verringert das Gerät so oder so, solange es in Reichweite liegt.

Also lasse ich mein Smartphone immer an. Es kann schließlich sein, dass ich mitten in der Nacht eine Nachricht erhalte. Und solche Nachrichten können in der Regel nie bis zum nächsten Morgen warten. Aus Angst etwas zu verpassen, bleibt das Smartphone also an. Verpassen tun wir stattdessen etwas anderes: erholsamen Schlaf. Denn wer vor dem Zubettgehen noch am Smartphone hängt, schläft deutlich schlechter, so zumindest lauten die Ergebnisse einer Studie der Universität Bergen.

Warum sind wir also ständig online? Um verfügbar zu sein, für den Rest der Welt. Und natürlich gehen wir davon aus, dass das auf Gegenseitigkeit beruht: Versende ich eine Nachricht, erwarte ich eine Antwort innerhalb der nächsten zehn Minuten. Kommt die nicht, steht schnell die Vermutung eines spontanen Todes oder eines Gefängnisaufenthaltes im Raum.

 

Was meinen Sie – sind Sie schon so abhängig wie ich? Das lässt sich vielleicht anhand einer Frage klären: Nehmen Sie ihr Smartphone mit in den Urlaub? Klar, Sie könnten jetzt argumentieren, dass Sie in Ihrer beruflichen Position erreichbar sein müssen, Ihrer Oma ja etwas während Ihrer Abwesenheit zustoßen könnte oder dass Sie es ausschließlich für E-Mails mitnehmen oder, oder, oder.

Dabei sollte im Urlaub doch das Abschalten im Vordergrund stehen: Abschalten von der Arbeit, Abschalten von den Problemen anderer – und besonders das Abschalten Ihres Smartphones. Meinen erholsamsten Urlaub hatte ich tatsächlich vor drei Jahren in der Toskana – das Smartphone blieb damals zu Hause.

Nun gut, anscheinend ist das „Daueronlinesein“ wesentlicher Bestandteil der Digitalisierung und wir alle wollen nun mal dazugehören. Und so hat die IM-Ära begonnen, wobei IM für Instant Messaging steht.

1996 startete ICQ als erster massengenutzte Instant-Messaging-Dienst für Computer. Da ich selbst aus der Generation Y stamme, kann ich ein Lied vom Chat mit der grünen Blume singen: Selbst nach über 20 Jahren kenne ich noch meine ICQ Nummer (329835858), um mich zu wecken reicht ein einfacher „AO“-Weckruf und mit dem legendären „Rock Paper Scissors“-Schach ließ sich immer eine Ausrede finden, nicht für eine Klausur zu lernen.

Mit der zunehmenden Verbreitung von Smartphones haben schnell die Instant Messenger ihren Weg in die Welt der Apps gefunden. Jeden Tag nutzen eine Milliarde Menschen WhatsApp und versenden 55 Milliarden Nachrichten, 4,5 Milliarden Fotos und eine Milliarde Videos. Irgendwas muss an diesen Instant Messaging Diensten also dran sein.

Es ist wie es ist: Das Smartphone ist fester Bestandteil meines Freundeskreises. Unsere Freundschaft besteht aus Nähe, Aufmerksamkeit und Liebe – und hält immerhin zwei Jahre. Nämlich genau bis mir qua Handyvertrag ein neues Gerät zusteht.

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Über den Autor: Matthias

Matthias Ritters

Matthias Ritters ist der Tausendsassa im Kommunikationsbereich. Er arbeitet als Redakteur und kümmert sich um die interne Kommunikation und die Mitarbeiterzeitschrift. Dazu produziert er leidenschaftlich gerne Videos aller Art.

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